Vor fünfzehn Jahren standen meine Mitarbeiter an meinem Schreibtisch. Die Server wanderten in die Cloud. Ihre Frage: “Tim, gibt es meinen Job in fünf Jahren noch?”
Ich habe damals ein Buch darüber geschrieben: Cloudsource je ICT!.
Jetzt liegt dieselbe Frage wieder auf dem Tisch. Nur geht es diesmal um KI. Und um ein neues Versprechen: Vibe Coding. Sie sagen der KI, was Sie wollen, und die KI schreibt die Software. Warum also noch Standardsoftware kaufen?
Ich verstehe die Frage. Wir setzen KI selbst intensiv ein. Trotzdem glaube ich keine Sekunde daran, dass Standardsoftware verschwindet. Meine Antwort passt in zwei Sätze:
Kaufen Sie, was alle haben. Bauen Sie, was niemand hat.
Und lassen Sie sich bei beidem von KI helfen.
Raten Sie mal, wer in fünf Jahren noch da ist
In meinem Unternehmen sehe ich gerade genau das, was ich vor fünfzehn Jahren gesehen habe. Vor allem bei Entwicklern. Die einen schreien Zeter und Mordio. Die anderen stürzen sich hinein und probieren alles aus.
Raten Sie mal, wer von beiden in ein paar Jahren noch da ist.
Bei der Cloud lief es so. Die Systemadministratoren, die mitgegangen sind, wurden Cloud Engineers. Wer an seinem Serverschrank festhielt, fiel zurück. Die Arbeit blieb. Sie bekam nur eine andere Form.
Mit KI wird es genauso laufen. Deshalb sehe ich Vibe Coding gelassen entgegen. Und allen, die rufen, Standardsoftware sei tot, mit einem kritischen Blick.
Drei Fragen, bevor Sie selbst bauen
Sie überlegen, Ihre Unternehmenssoftware selbst mit KI zu bauen? Dann stellen Sie sich zuerst drei Fragen. Können Sie es selbst? Funktioniert es auf Dauer? Und ist es klug? Ich gehe sie mit Ihnen der Reihe nach durch.
Frage 1: Können Sie es selbst?
Jede Revolution bringt neue Komplexität. Ein großer technischer Sprung macht vieles zunächst einfacher. Dann kommt die Komplexität. Und die verlangt nach eigenen Spezialisten. Denken Sie an Ihr Netzwerk. Das könnten Sie als Unternehmer durchaus selbst pflegen. Trotzdem lagern Sie es aus. Sie wollen Ihre Zeit in Ihr Geschäft stecken. Mit Vibe Coding ist es genauso. Sie sind Unternehmer geworden, um ein Unternehmen zu führen. Wollen Sie wirklich nebenbei noch einen Beruf lernen?
Ein Proof of Concept ist noch keine Unternehmenssoftware. Einen funktionierenden Proof of Concept bauen Sie an einem Wochenende. Software, auf der Ihr Unternehmen läuft, braucht Monate. Der Umgang mit Ausnahmen, Benutzerrechte, Geschwindigkeit, Backups und ein Audit Trail für Ihren Steuerberater. Das sind die letzten 20%. Und die kosten 80% der Zeit. Diesen Teil sehen Sie nie in den Videos auf LinkedIn.
Selbst bauen heißt selbst testen. Danach müssen Sie testen. Fehler abfangen. Herausfinden, warum diese Rechnung doppelt rausging. Und es gibt immer diesen einen Kollegen, der versteht, wie alles funktioniert. Wird er krank oder geht er? Dann stehen Sie still. Genau diese Abhängigkeit war für viele Unternehmen einst der Grund, auf Standardsoftware umzusteigen. Mit Vibe Coding holen Sie sich dieses Risiko einfach wieder ins Haus. Nur heißt es jetzt Innovation.
Frage 2: Funktioniert es auf Dauer?
Angenommen, Ihre App steht. Sie funktioniert. Schön. Dann fängt es erst richtig an.
Code altert. Code, den niemand wirklich versteht, wird zu technischen Schulden. Komponenten veralten. Sicherheitslücken werden entdeckt. Wer patcht Ihre selbstgebaute App in drei Jahren? Bei Standardsoftware macht das der Hersteller. Für alle Kunden gleichzeitig.
Sicherheit ist ein eigener Beruf. Und er wächst schneller als fast jeder andere. Application Hardening, Zugriffsverwaltung, Verschlüsselung, Penetrationstests, Monitoring. Jedes Jahr kommt mehr dazu. Und KI macht auch Hacker schneller. Ein seriöser Softwarehersteller hat dafür ein eigenes Team, das nichts anderes tut. Wie viele Mittelständler können das von sich sagen? Wer selbst baut, ist auch selbst für die Sicherheit verantwortlich. Samt allen Kundendaten und Unternehmensinformationen, die dazugehören. Als Unternehmer möchte ich dafür nicht die letzte Verantwortung tragen.
Das Gesetz ändert sich, und Ihre Software muss mit. Umsatzsteuerregeln ändern sich. Die E-Rechnung wird Pflicht. DSGVO, NIS2, Peppol. Standardsoftware passt das mit einem Update an. Ihre eigene App tut das nicht von selbst. Ich kenne keinen Unternehmer, der deswegen nachts wach liegen will.
Frage 3: Ist es klug?
Angenommen, Sie beantworten die ersten beiden Fragen mit Ja. Dann bleibt die wichtigste übrig. Ist es auch vernünftig?
Sie bekommen die Erfahrung tausender Unternehmen dazu. Viele Mittelständler suchen gerade Orientierung. Sie wollen nach Prozessen arbeiten, die sich anderswo bereits bewährt haben. Das Rad selbst erfinden? Dafür fehlt ihnen die Zeit. Die stecken sie lieber in ihr Kerngeschäft. Da stimme ich voll und ganz zu. Standardsoftware liefert dieses Wissen einfach mit.
Teilen ist günstiger als allein zahlen. Angenommen, die Entwicklung Ihrer eigenen App kostet weniger als 1% eines Standardpakets. Dann zahlen Sie immer noch zu viel. Die Entwicklungskosten von Standardsoftware teilen sich Hunderttausende Kunden. Sie zahlen die Rechnung allein. Ihr Wettbewerber teilt sie mit hunderttausend anderen. Und dabei habe ich Hosting, Sicherheit, Ihre eigenen Stunden und die Stunden dieses einen Kollegen noch gar nicht erwähnt. Rechnen Sie die Gesamtkosten durch, und der Abstand wird nur größer.
Das Ökosystem macht Sie frei. Mit Standardsoftware sind Sie weniger abhängig. Auch von Ihrem Implementierungspartner. Ja, das sage ich als Implementierungspartner. Es gibt Standardschnittstellen, Dokumentation, Support, eine Community und andere Partner. Sie sind mit uns nicht zufrieden? Dann wechseln Sie. So gehört es sich. Versuchen Sie das einmal mit Individualcode, den nur Ihr ehemaliger Kollege versteht.
Auch Standardsoftware wird klüger. Die Hersteller schlafen nicht. Odoo und andere Pakete bauen KI in ihre Produkte ein. Dadurch wächst der Vorsprung von Standardsoftware nur noch. Vibe Coding findet künftig vor allem auf einer Plattform statt. Dazu gleich mehr.
Kaufen Sie, was alle haben, bauen Sie, was niemand hat
Ist selbst bauen also nie klug? Doch. Es gibt eine klare Ausnahme.
Haben Sie einen Prozess, für den Kunden gezielt zu Ihnen kommen? Etwas, das Ihr Wettbewerber nicht kann? Dann bauen Sie das selbst. Mit KI ist das inzwischen auch bezahlbar. Dort liegt Ihr Vorsprung, und den wollen Sie in der eigenen Hand behalten.
Für alles andere gilt: kaufen. Ihre Buchhaltung, Ihr Lager, Ihr Einkauf. Damit gewinnen Sie keinen Kunden. Diese Prozesse müssen einfach gut laufen. Jeden Tag.
Was sich sehr wohl ändert
Standardsoftware bleibt also. Heißt das, dass alles beim Alten bleibt? Im Gegenteil. Es ändert sich gerade sehr viel. Und ehrlich gesagt begeistert mich das.
Die Einführung geht schneller. Eine gründliche Bestandsaufnahme dessen, was Sie wirklich brauchen, bleibt die Grundlage. Ohne sie bauen Sie auf Sand. Nur geht diese Bestandsaufnahme mit KI viel schneller. Fragebögen sammeln, auswerten und in Anforderungen übersetzen hat uns früher 8 Stunden gekostet. Heute ist es höchstens eine Stunde. Die 7 Stunden stecken wir in das, was wirklich zählt: mit dem Kunden am Tisch sitzen, tiefer analysieren oder schon einen Proof of Concept vorbereiten.
Das System zu lernen wird einfacher. Menschen müssen weiterhin lernen, mit neuer Software zu arbeiten. Gut dokumentierte Standardsoftware können Sie heute aber einfach über KI befragen. Wie erstelle ich eine Gutschrift? Wo finde ich meine offenen Aufträge? Sie haben sofort eine Antwort.
Kleine Erweiterungen kosten fast nichts mehr. Hier wird Vibe Coding richtig stark. Eine Automatisierung, ein Dashboard, ein praktisches kleines Tool auf Ihrem Standardpaket. Das bauen Sie heute in einem Bruchteil der Zeit. Das drückt die Entwicklungskosten drastisch. Ein bewährtes Fundament mit cleveren Anpassungen obendrauf. Für mich ist das die ideale Kombination.
Menschen mitzunehmen bleibt Menschenarbeit. KI beschleunigt vieles. Aber kein Tool bringt Menschen dazu, anders zu arbeiten. Deshalb verschiebt sich die Rolle des Implementierungspartners. Weniger konfigurieren. Mehr beraten, begleiten und Menschen mitnehmen.
Wer sollte sich Sorgen machen?
KI ist also vor allem eine gute Nachricht. Trotzdem gibt es vier Gruppen, die ich warnen würde.
1. Der Unternehmer, der stehen bleibt. Er hält an seinem alten System fest. Es funktioniert doch? Währenddessen arbeitet sein Wettbewerber schneller, klüger und günstiger. Jedes Jahr fällt er ein Stück weiter zurück. Das finde ich schade. Denn es ist so unnötig.
2. Die Organisation, die blind alles auf KI setzt. Das andere Extrem. Sie laufen jedem selbsternannten KI-Spezialisten hinterher. Sie stecken viel Zeit und Geld in Experimente, die nie live gehen. Einige dieser Spezialisten erkenne ich übrigens wieder. Vor ein paar Jahren verkauften sie noch Kurse darüber, wie man mit Einkauf in China reich wird. Dann kamen Krypto und NFTs. Jetzt verkaufen sie KI.
3. Der Anbieter, der den Gewinn für sich behält. KI macht Software und Einführungen günstiger. Ich finde, dieser Gewinn gehört zum Kunden. In Form niedrigerer Preise, weniger Implementierungsstunden oder mehr Wert. Deshalb setzen wir KI inzwischen bei unseren Bestandsaufnahmen ein. Anbieter, die weiter ihre alten Tarife und Stundenzahlen abrechnen, verlieren ihre Kunden an die, die es anders machen.
4. Der Partner, der Stunden verkauft. Lebt Ihr Geschäftsmodell davon, möglichst viele Stunden zu verkaufen? Dann haben Sie ein Problem. Kunden zahlen immer öfter für Ergebnisse. Zu Recht, finde ich.
Mein Rat
Was machen Sie als Unternehmer nun damit? Drei Dinge.
- Wählen Sie ein Standardpaket als Fundament. Für alles, was jedes Unternehmen braucht.
- Bauen Sie nur selbst, was Sie unterscheidet. Dabei darf KI Ihnen kräftig helfen.
- Fragen Sie Ihren Anbieter, was KI Ihnen bringt. Niedrigere Kosten, weniger Stunden oder mehr Wert. Keine klare Antwort? Dann wissen Sie genug.
Und jetzt die gute Nachricht
Denn es ist natürlich nicht alles schwarz. In meinem eigenen Unternehmen hat KI Dinge möglich gemacht, die für ein Team von vierzehn Leuten vorher unerreichbar waren.
Nehmen Sie unseren CPQ Builder. Kunden fragten seit Jahren nach einem Produktkonfigurator, der Angebote und Aufträge automatisch aufbaut. Den gab es, aber nur für große Unternehmen mit großem Budget. Eine bezahlbare Alternative für den Mittelstand fehlte. Mit KI haben wir ihn selbst gebaut. Genau die Art von Individualentwicklung, die ich oben beschrieben habe: etwas, das niemand hatte, auf einem Standardpaket.
Das wünsche ich jedem Unternehmer. Also ja, Standardsoftware bleibt. Und KI macht sie besser, schneller und günstiger. Beides stimmt.
Vor fünfzehn Jahren fragten meine Mitarbeiter, ob es ihren Job noch geben würde. Die Arbeit gibt es immer noch. Sie sieht nur anders aus. Mit KI wird es genauso sein. Die Software bleibt. Die Art, wie wir sie bauen, verkaufen und nutzen, ändert sich.
Also: Kaufen Sie, was alle haben. Bauen Sie, was niemand hat. Und fangen Sie heute an.
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